Prose

auf der suche nach dem ernst des lebens

erschienen in: Auf der Halbinsel – Rote Erzählungen und Gedichte, Dorante Edition 2016

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Als ich noch klein war, war mein Vater einer der ernsthaftesten Menschen, die ich kannte. Ich erinnere mich, wie ich vor ihm stand, an meinem ersten Schultag, in meinem dunkelblau-violett gebatikten Seidenkleid, das ich mir ausgesucht hatte, zum Teil selbst bezahlt aus meinem Sparschwein. Einfach, weil ich es so sehr haben wollte und es für zuvor eingeübte  Hofknickse so geeignet fand. Er sagte: „Carina, nun beginnt der Ernst des Lebens“.

Ich wusste nicht genau, was er meinte. Aber ich wusste, dass es ihm und damit mir sehr wichtig sein musste. Ich war verwirrt. Aber an diesem Tag voller neuer Menschen, endlich beginnendem Dabeisein in der Welt der Großen, Süßigkeiten und Glückwünsche ging er unter, der ernste Satz meines Vaters.

Meine Schultüte hatte die Form eines Stifts und war bunt, am meisten orange. Ich weiß noch, dass ich am liebsten die meines Bruders gehabt hätte. Die war blau und trug ein schönes Mäusegesicht. Ich weiß noch, wie gerne ich gemeinsam mit ihm in die Schule gehen wollte. Das klang so aufregend. Und wie mein Bruder am liebsten wieder im Kindergarten gewesen wäre und wie unfair ich es fand, dass allein das Alter entscheidend war und niemand uns fragte, was wir wollten.

Der Ernst des Lebens begrüßte mich in Form des auf mich gerichteten roten Lamy-Füllers meiner Lehrerin. Aus ihm schossen Worte wie „Carina, du bist eine unerträgliche Schülerin“ oder „Und auch das werde ich dir aufs Zeugnis schreiben“. Ihr Gesichtsausdruck unterstrich dabei die offenbar überschrittene rote Linie, die den Ernst markierte. Rote Linien verwirren mich bis heute. Obwohl ich Rot mag. Es sind nicht nur die ernsten, sondern auch die wichtigen, lebenswichtigen Dinge, die rot sind.

War ich unerträglich? Schwierig, sicher. Vorlaut, ja. Neugierig? Ohne Frage. Und ein lesendes Kind Lesen zu lehren ist sicher nicht einfach. In der Gruppe. Sicher nicht. Aber ich liebte es zu lernen. Das war wohl eines der Dinge, die ich ernsthaft betrieb, ohne dass der Ernst dabei in Sichtweite gewesen wäre. Ich war halt so.

Die Worte meines Vaters wurden erneut fast mantrenartig an meine Ohren geheftet als ich aufs Gymnasium ging, an einen meiner Familie unvertrauten Ort, unbekanntes Terrain. Mein Vater wollte mir den Ernst als einen schützenden Begleiter mitgeben.

Er verstand nicht, dass es nicht der Ernst war, der mir Schutz bot, sondern meine Seifenblase, in der ich durch die Welt schwebte und nur aus ihr heraustrat, wenn es galt, etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. In der Rolle der verträumten Detektivin gefalle ich mir bis heute. Vielleicht mag ich auch deshalb Eulen so gerne, die in der Nacht leben, aber deren 360°-Blick nichts entgeht. Und schon überhöhe ich mich wieder.

Bleib mal auf dem Teppich, Carina. „Nur weil du aufs Gymnasium gehst, brauchst du nicht zu denken, dass du etwas Besseres bist als wir“, stach mir meine Mutter spitz und schrill in die Seifenblase. Wenn die Spießrutenflure dieser nichts anhaben konnten – das wummerte in ihr. Zum Verwirrtsein gesellte sich das Erschüttertsein. Ordnen konnten mich die warmen Seiten meiner Bücher, das Chaos in meinem Zimmer und in meinem Schulrucksack, das schon einmal das ein oder andere Schulbrot aus fernen Tagen in zellophanmumifizierter Form zutage brachte – und meine Katze. Sie scherte sich nicht um diesen Ernst, sondern leckte sich selbst öffentlich am Arsch. Und ruhte.

Der Ernst im Mund meines Vaters rief lauter als ich zur Uni ging. Nun kamen Rechnungen hinzu. Und Freiheit. Und lange Nächte und wundgeschriebene Finger und müde gefütterte Hirnzellen, die am Tag der Klausur alles aufs Papier kotzten. Das erste Mal nicht bestehen. Die erste Niederlage auf meinem Gebiet. Das erste Mal verloren gehen in der eigenen Heimat. Ich entdeckte Alkohol, wenn Bücher zu leise waren. Und Sex, wenn mich sonst nichts berührte.

Den Ernst habe ich gesucht. In Arbeit, in zu strenger Kleidung, in einer Ehe, die nicht hielt. Gefunden habe ich ihn nicht. Aber vielleicht ist es die Suche nach ihm, die ihn einlädt in mein Leben. Vielleicht ist er kein Begleiter, sondern eine Kompassnadel. Die, die nach Norden zeigt. Die konstante Größe, die aber auch raum lässt für Unbekannte und immerhin drei weitere Himmelsrichtungen.

Im Norden zu leuchten kann anstrengend sein auf Dauer. Mal dunkel zu werden ist auch natürlich.

Nach all den Ideen aus roten Füllern und nackten Fluren suche ich nun: die Meinen.

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