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eine kleine prärie

Heute lasse ich mir eine Prärie tätowieren.

Nicht im wörtlichen Sinne – eher in ihrer denkbar kleinsten Form. Eine Kleepflanze wird es sein, dazu eine Hummel.

Zwei unscheinbare Dinge eigentlich, beide leicht zu übersehen, wenn man nicht gerade innehält. Vielleicht ist es genau das, was mich daran so anzieht: Dass etwas so Kleines ausreicht, um gedanklich etwas so Großes entstehen zu lassen.

Die Idee dazu kommt aus einem Gedicht von Emily Dickinson, das mir zum ersten Mal in dem Buch „Imagination als heilsame Kraft“ von Luise Reddemann begegnet ist.

Ein Buch, das mich seit Jahren begleitet – inzwischen in mehreren Auflagen, weil sie es immer wieder erweitert, verändert, weiterdenkt. Auch dort geht es um innere Bilder, um das, was entstehen kann, wenn Vorstellungskraft Raum bekommt.

Ihr Ansatz der psychodynamisch-imaginativen Traumatherapie hat mich persönlich und beruflich wachsen lassen. Und mit der Zeit ist auch die Beziehung zu ihr gewachsen, näher geworden: von der Leserin zur Seminarteilnehmerin, weiter zur Lernenden im engeren Sinne – und inzwischen darf ich ihre Methode selbst als Lehrende vertreten.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet dieses kleine Gedicht so präsent geblieben ist:

To make a prairie it takes a clover and one bee,
One clover, and a bee,
And revery.
The revery alone will do,
If bees are few.

Ich mochte den Gedanken sofort – dass eine ganze Landschaft nicht aus Weite besteht, sondern aus Vorstellung. Dass nur wenige reale Dinge genügen, solange eine Zutat nicht fehlt: eine Traumidee.

Mit den Übersetzungen, die ich gefunden habe, bin ich nie ganz warm geworden. Also habe ich meine eigene geschrieben:

Zur Entstehung einer Prärie braucht’s eine Biene und etwas Klee,
Eine Biene, und ein Hauch von Klee,
Und eine Traumidee.
Die Traumidee allein kann gelten,
Falls Bienen selten.

Dabei habe ich Biene und Klee vertauscht – nicht aus botanischem Trotz, sondern weil es sich so richtiger anfühlte. Sprachlich. Rhythmisch. Vielleicht auch, weil es gar nicht darum geht, was zuerst kommt.

Für das Motiv in meiner Haut habe ich mir noch eine kleine Freiheit genommen:

Aus der Biene wurde eine Hummel. Nicht, weil sie besser passt – sondern weil ich sie lieber mag.

Hummeln wirken immer ein wenig so, als hätten sie es nicht eilig, als hätten sie sich ihren eigenen Rhythmus bewahrt. Und auch ihre Art zu fliegen hat etwas Eigenes. Vielleicht passt das sogar besser zur Idee der „revery“.

Am Ende bleibt:

Klee,

Hummel,

Traumidee.

Eine sehr kleine Prärie, die ich mit mir herumtragen werde.

Und vielleicht ist das auch der eigentliche Grund für das Tattoo:

Als Erinnerung daran, dass es manchmal nicht viel braucht.

Dass ein bisschen Realität genügt – und ein wenig Vorstellungskraft, um daraus etwas Weites zu machen.

Oder, anders gesagt:

Dass selbst dann, wenn etwas fehlt, noch genug da sein kann.

Auch wenn Hummeln selten sind.

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