Poetry

dichterliebe

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Siegfried Buck (Hrsg.), Bausteine Deutsch, Diesterweg 1985

Wie verliebt man sich in einen Dichter? Ich habe mein Herz an Heinrich Heine verloren, als ich gerade erst wusste, dass ich eins habe, dass jeder eins hat und dass es aufhören kann zu schlagen. In der vierten Klasse, Dienstag, dritte Stunde Kunst. Ich hatte meinen Farbkasten vergessen. Um mich zu beschäftigen (und wohl auch zu Disziplin zu mahnen), musste ich abschreiben. Während die Anderen mehr oder minder Kunstvolles schafften, sollte ich Heine vom Papier meines Deutschbuches auf meines bringen. Und dies ohne den Tintenkiller zu benutzen. Meine Lehrerin hatte wohl doch den Plan, es solle kunstvoll sein. Oder vielleicht dachte sie auch, es hielte mich auf diese Weise länger auf, würde mich doch jeder Schreibfehler wieder zurück auf Los setzen. Nun gut. Heine also. Altes Kaminstück. Es war Sommer.

Ab der ersten Zeile schon folgte ich ihm, ließ weiße Flocken aufziehen, Stürme mit Harlekinen tanzen und mich von Marmorgöttern grüßen. Wie das Kätzchen wärmte ich mich an ‘des Dichters Feur’. Wer auch immer dachte, mich damit bestraft zu haben, täuschte sich gewaltig. Für diese eine Kunststunde wohnte ich im Zauberschloss. Erst mit dem Klingeln spürte ich den Schmerz des heulenden Kätzchens. Die süße Zerstörung meines Paradieses, vergessene Farbkästen können schmecken wie Äpfel.

PS: Wer erraten hat, dass der Name des Blogs aus diesen Zeilen stammt, ist ein Genie und gehört gewürdigt. Ehre wem Ehre gebührt.

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Prose

auf der suche nach dem ernst des lebens

erschienen in: Auf der Halbinsel – Rote Erzählungen und Gedichte, Dorante Edition 2016

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Als ich noch klein war, war mein Vater einer der ernsthaftesten Menschen, die ich kannte. Ich erinnere mich, wie ich vor ihm stand, an meinem ersten Schultag, in meinem dunkelblau-violett gebatikten Seidenkleid, das ich mir ausgesucht hatte, zum Teil selbst bezahlt aus meinem Sparschwein. Einfach, weil ich es so sehr haben wollte und es für zuvor eingeübte  Hofknickse so geeignet fand. Er sagte: „Carina, nun beginnt der Ernst des Lebens“.

Ich wusste nicht genau, was er meinte. Aber ich wusste, dass es ihm und damit mir sehr wichtig sein musste. Ich war verwirrt. Aber an diesem Tag voller neuer Menschen, endlich beginnendem Dabeisein in der Welt der Großen, Süßigkeiten und Glückwünsche ging er unter, der ernste Satz meines Vaters.

Meine Schultüte hatte die Form eines Stifts und war bunt, am meisten orange. Ich weiß noch, dass ich am liebsten die meines Bruders gehabt hätte. Die war blau und trug ein schönes Mäusegesicht. Ich weiß noch, wie gerne ich gemeinsam mit ihm in die Schule gehen wollte. Das klang so aufregend. Und wie mein Bruder am liebsten wieder im Kindergarten gewesen wäre und wie unfair ich es fand, dass allein das Alter entscheidend war und niemand uns fragte, was wir wollten.

Der Ernst des Lebens begrüßte mich in Form des auf mich gerichteten roten Lamy-Füllers meiner Lehrerin. Aus ihm schossen Worte wie „Carina, du bist eine unerträgliche Schülerin“ oder „Und auch das werde ich dir aufs Zeugnis schreiben“. Ihr Gesichtsausdruck unterstrich dabei die offenbar überschrittene rote Linie, die den Ernst markierte. Rote Linien verwirren mich bis heute. Obwohl ich Rot mag. Es sind nicht nur die ernsten, sondern auch die wichtigen, lebenswichtigen Dinge, die rot sind.

War ich unerträglich? Schwierig, sicher. Vorlaut, ja. Neugierig? Ohne Frage. Und ein lesendes Kind Lesen zu lehren ist sicher nicht einfach. In der Gruppe. Sicher nicht. Aber ich liebte es zu lernen. Das war wohl eines der Dinge, die ich ernsthaft betrieb, ohne dass der Ernst dabei in Sichtweite gewesen wäre. Ich war halt so.

Die Worte meines Vaters wurden erneut fast mantrenartig an meine Ohren geheftet als ich aufs Gymnasium ging, an einen meiner Familie unvertrauten Ort, unbekanntes Terrain. Mein Vater wollte mir den Ernst als einen schützenden Begleiter mitgeben.

Er verstand nicht, dass es nicht der Ernst war, der mir Schutz bot, sondern meine Seifenblase, in der ich durch die Welt schwebte und nur aus ihr heraustrat, wenn es galt, etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. In der Rolle der verträumten Detektivin gefalle ich mir bis heute. Vielleicht mag ich auch deshalb Eulen so gerne, die in der Nacht leben, aber deren 360°-Blick nichts entgeht. Und schon überhöhe ich mich wieder.

Bleib mal auf dem Teppich, Carina. „Nur weil du aufs Gymnasium gehst, brauchst du nicht zu denken, dass du etwas Besseres bist als wir“, stach mir meine Mutter spitz und schrill in die Seifenblase. Wenn die Spießrutenflure dieser nichts anhaben konnten – das wummerte in ihr. Zum Verwirrtsein gesellte sich das Erschüttertsein. Ordnen konnten mich die warmen Seiten meiner Bücher, das Chaos in meinem Zimmer und in meinem Schulrucksack, das schon einmal das ein oder andere Schulbrot aus fernen Tagen in zellophanmumifizierter Form zutage brachte – und meine Katze. Sie scherte sich nicht um diesen Ernst, sondern leckte sich selbst öffentlich am Arsch. Und ruhte.

Der Ernst im Mund meines Vaters rief lauter als ich zur Uni ging. Nun kamen Rechnungen hinzu. Und Freiheit. Und lange Nächte und wundgeschriebene Finger und müde gefütterte Hirnzellen, die am Tag der Klausur alles aufs Papier kotzten. Das erste Mal nicht bestehen. Die erste Niederlage auf meinem Gebiet. Das erste Mal verloren gehen in der eigenen Heimat. Ich entdeckte Alkohol, wenn Bücher zu leise waren. Und Sex, wenn mich sonst nichts berührte.

Den Ernst habe ich gesucht. In Arbeit, in zu strenger Kleidung, in einer Ehe, die nicht hielt. Gefunden habe ich ihn nicht. Aber vielleicht ist es die Suche nach ihm, die ihn einlädt in mein Leben. Vielleicht ist er kein Begleiter, sondern eine Kompassnadel. Die, die nach Norden zeigt. Die konstante Größe, die aber auch raum lässt für Unbekannte und immerhin drei weitere Himmelsrichtungen.

Im Norden zu leuchten kann anstrengend sein auf Dauer. Mal dunkel zu werden ist auch natürlich.

Nach all den Ideen aus roten Füllern und nackten Fluren suche ich nun: die Meinen.

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Book Review

book review – how to read a poem

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Edward Hirsch (2000), How To Read A Poem: And Fall In Love With Poetry, Harvest Book.

“There are people who defend themselves against being “carried away” by poetry, thus depriving themselves of an essential aspect of the experience. But there are others who welcome the transport poetry provides. They welcome it repeatedly. They desire it so much they start to crave it daily, nightly, nearly abject in their desire, seeking it out the way hungry people seek food. It is spiritual sustenance to them. Bread and wine. A way of transformative thinking. A method of transfiguration. There are those who honor the reality of roots and wings in words, but also want the wings to take root, to grow into the earth, and the roots to take flight, to ascend. They need such falling and rising, such metaphoric thinking. They are so taken by the ecstatic experience – the overwhelming intensity – of reading poems they have to respond in kind. And these people become poets.” (p. 7)

So, this is my first book review. I decided to write book reviews taking a completely subjective perspective, following a certain pattern by answering these questions:

  1. At what point of my life have the book (as I consider books entities) and I met?
  2. What was my experience when reading the book?
  3. What will the book leave me with?

In this case it is a bit harder to follow that pattern as I haven’t finished reading the book yet.

The cited paragraph has expressed my personal reasons for reading and writing poetry so accurately that I had to share it.

Me and this book have actually met in ‘City Lights Bookstore’ on Sept 9th in San Francisco. I stumbled across its title going through their amazing poetry section. At the time I was looking for poetry books and not books about poetry. So I put it away again. The second time I made it to that bookstore a couple of days later, the book attracted my attention again – being ruthlessly ignored yet another time. When it crossed my path for the third time today in a bookstore in Santa Cruz, I decided to attribute its constant appearance in my life to fate and bought it.

In the preface, it begins informing the reader that this is a book about reading poetry – redundantly enough as it states so in the title. In the third sentence Hirsch writes: “I have gathered together many poems I have loved over the years, and I have tried to let them show me how they should be read.” This really caught my attention, leaving me curious for more. During the next couple of pages not only does the author express his own love for poetry, but lets the poets themselves express theirs, inducing it in the reader. It feels as if the author took the reader by the hand, saying: ‘Let me introduce you to my friends’, thus making it a completely subjective experience. Poetry is subjective. Not only does is reveal the core of the poet’s experience and inner world but also that of the reader. Hirsch makes that clear when he writes: “You are reading poetry – I mean really reading it – when you feel encountered and changed by a poem, when you feel its seismic vibrations, the sounding of your depth.”

I already fell for the book. It captured me as poetry has captured me. It transports its author’s love for the “roots and wings” of the “message in a bottle” poetry holds. It hasn’t left me yet, and already I anticipate the sadness after reading its last page – as if I had found a dear friend of whom I will have to part when putting the book aside.

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Poetry

regenbogen

Die Sehnsucht nach Improvisation

Sie hält nichts

Zerfasert unter unserer Haut

Es riecht nach Regen heute

Eine Schüssel voller

Stillebender Erinnerung

Verspätete Sätze

Am Ende des Verses

Splitter an unseren weißen Lattenzäunen

Wir lesen den Staub von unseren Fenstern

Statt mit ihm

In der Sonne zu tanzen

Hab den Mut

Dir das Herz zu brechen

Im Licht

erschienen in Stefan Hölscher, Kathrin Külow, Holger Dauer, Alfred Büngen (Hrsg.)  ‘Die süße Jagd nach Bitternissen’ Aphorismen- und Gedichtwettbewerb 2016/17, Geest-Verlag 2017

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Poetry

selfie horizon

 

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Zwischen Meer und mir

passt nur

mein digitaler Spiegel

Narcissus zwischen 1 und 0

Selbstverschossen 1.0

Horizont 2D

Videor ergo sum

In Kinn-Speck-Weg-Perspektive

geht mein Silberblick nach

schräg oben

Im Netz voller Schokoladenseiten

Gesichtsloser

Gleichmacherei

Mich düstert es

manchmal

kann ich nicht leuchten

und dann

knipse ich mein Essen

und zeige der Welt

dass ich sie verdauen kann

 

 

 

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Allgemein

nighthawks

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Last night I woke up from one of the weirdest dreams my subconscious has ever shared with me. Maybe it was due to a cold that started creeping up my throat. Possibly, it was the distance of an ocean between me and my home that created a void sucking out clotty ideas stuck on duty and daily routines like outflowing water through the drainpipe of a bathtub. The speed suggested there were actually someone sucking with a force that resembled the urgence of an addict or a really hungry person. What am I hungry for? I hear myself posing that question, as I have so many times. It is my profession to listen and ask good questions. Have I been a vessel for others’ feelings? Have I forgotten my own ‚chimney sweeping’ as Anna O. once put it? The dream had mixed a cinematic experience, Alice’s wonderland, Miss Marple and Tim Burton, creating a vortex of such speed that even my rapid eye movements could not keep up and the ‚guardian of sleep’ (as Freud once designated the dream) kicked me out and made me wake up in the kind of bewilderment Dorothy must have experienced when realizing that ‚this’ was not ‚Kansas’ any more. Had I just killed a witch?

However, I woke up. On a couch in San Francisco. My throat and my sinuses agreed that I was awake. I touched my very own modern Toto to check the time. A brief flash of brightness. 4:39. Great. My lagging mind trying to make sense of the situation was interrupted by the idea of me writing a blog. Even the title popped up, reminding me of that one poem from way back when. Very peculiar (an English word I like very much by the way). Should I?

This year I stumbled upon the decision of just saying yes to things I had not tried before, or at least not for a long time. 2014 had developed into a comatose nightmare that 2015 slowly helped me recover from. I had always functioned but things had not worked out. So I decided to reduce myself to the healthiest core I could find within me. That included taking close looks without taking myself too seriously. This is what this blog will be about.

I am a cis-female. I write. I was born in Europe. My cultural background is German. I work as a psychologist.

I will talk about norms I overcame, new ethical standards I found and books or poetry that accompany me. Topics and language (English or German) will vary accordingly. It will be political. Most likely radical.

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