Poetry

fast forward

Fließbandsalat statt

Geschmeidiges Surren auf schnurrende

Spulen gespannter

Laufender Schnürchen

 

Höchstrichterlich ernannte Alben

Hämmern nachts wie beckenschlagende Affen

Meine Träume an den Nagel

 

Hinter der Milchglasscheibe bekämpfen sich 

Krokodil und Kasperle

Während es dunkler wird

Und das Spielzeug dem Kaffee wich

 

Früher gab’s ein Testbild

Heute ein Profilbild

Kann mir mal jemand den Akku

austauschen 

Und das Display reparieren

Weil

Huch und so – da war’s kaputt

Geht schnell sowas

Standard
Poetry

postcard to dublin

Hier erzählt man noch Geschichten

Die dieser Stadt ins Gesicht 

Geschrieben stehen

Diese alte Dame, sie spinnt

Sich selbst ihr Schicksal zusammen

Aus der Restwolle 

Macht sie das Beste

Ein Lied summend

Ein ganzes Leben zimmern sie

Aus alten Backsteinen

Die ihren Wert behalten

Tränen

Vom Lachen, Weinen oder Gähnen

Schön hier.

Standard
Book Review, Writing

buchbesprechung – vom ende der einsamkeit

Benedict Wells (2016), Vom Ende der Einsamkeit, Diogenes

Meine erste Buchbesprechung auf Deutsch. Daher erkläre ich an dieser Stelle noch einmal meine Struktur. Ich möchte eine völlig subjektive Perspektive einnehmen und folgende Fragen nacheinander beantworten:

1. An welchem Punkt meines Lebens haben das Buch (ja, Bücher sind Entitäten) und ich uns getroffen?

2. Wie habe ich das Buch erfahren?

3. Womit wird mich das Buch zurücklassen?

Zum ersten Mal begegnete mir das Buch auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für eine Ausbildungskollegin meines Instituts für Psychotherapie. Sie hatte mich eingeladen und obwohl ich es nicht dorthin schaffte, wollte ich ihr dennoch etwas schenken – ich hatte mich über die Einladung sehr gefreut. An einem Sonntag waren mein Freund und ich zum Hauptbahnhof spaziert, zum einen um an die frische Luft zu kommen, zum anderen um bei Rossmann noch ein paar Dinge einzukaufen. Da es im Bahnhof auch eine Buchhandlung gibt, wollte ich dort nach einem Geschenk suchen. Der Titel sprang mir ins Auge und ich las auf dem Rückdeckel den wunderbaren Satz:

„Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind: Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.“

Für meine Kollegin schien mir dieses Buch wenig geeignet und mich plagten die sich in meinem schlechten Gewissen stapelnden ungelesenen Bücher zuhause, weshalb ich es wieder zurücklegte. Ein Geschenk fand ich nicht.

Am nächsten Tag zog ich erneut los zum Buchladen meines Viertels, dem ich ohnehin noch einen Besuch abstatten wollte. Ich fand dort neben einer schönen Präsentation der Bücher eine sehr freundliche und geduldige Händlerin vor. Man muss wissen, dass ich zur Entscheidungsfindung einen zeitlich nicht unerheblichen Prozess zu durchlaufen pflege, besonders wenn es um Bücher geht. Das Geschenk war schnell gefunden und ich hatte für mich bereits ein kleines Büchlein eines lokalen Dichters gefunden. Da ich jedoch einen Gutschein hatte, war das schlechte Gewissen mit den Wolken des Vortags verzogen und ich stöberte weiter. Maxim Biller – Hundert Zeilen Hass. Klang gut, aber ich wollte irgendwie lieber ein wenig Urlaub von der ohnehin schon trüben Realität unserer Tage. Ich traf erneut auf ‚Vom Ende der Einsamkeit’. Aber da ich mich schon am Vortag dagegen entschieden hatte…und ein Spiegel-Bestseller…naja. Ich entschied mich dafür, mich nicht alleine zu entscheiden und bat die sympathische Händlerin um einen Tipp, hinzufügend, dass ich gerne etwas in ‚schöner Sprache, gerne poetisch’ hätte. Sie griff zielsicher ins obere Regal und zog das zuvor erneut verschmähte Buch von Benedict Wells hervor. „Wir alle haben dieses Buch geliebt! Es ist so schön geschrieben, sehr behutsam und bildreich.“ „Und dass es ein Spiegel-Bestseller ist?“ „Ach, man will den Aufkleber glatt entfernen! Nein, es ist wirklich sehr gut.“ Gekauft.

„Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.“

Gleich im ersten Satz wird klar: Flach wird es nicht auf den nächsten Seiten. Und bildreich ist es. Wie in einem Musikstück tauchen Themen, Orte, Menschen, Lieder oder Bilder immer wieder auf und verweisen auf die Vergangenheit oder Zukunft der Figur Jules. Alle Kapitel sind mit Jahreszahlen und einem Titel versehen, was es einem erleichtert, nicht im Kopf des unruhigen Träumers Jules verloren zu gehen. Alle Figuren werden sehr mitfühlend und lebendig beschrieben. Ihre Geschichten mit all ihren Anstrengungen wird derart behutsam nachgezeichnet, beruhigend plätschernd, und doch vergehen die Seiten wie im Flug. Benedict Wells gelingt es, mich zu packen und gleichzeitig nicht gefangen zu halten. Meine Gedanken dürfen träumerisch wegdriften wie die von Jules. Ob es daran liegt, dass ich ihm ähnlich bin, dass ich so leicht in ihn schlüpfen kann wie in einen Pyjama und mich gleich wohl fühle?

„‚Aber ich schreibe doch gar nicht, Alva, wie oft denn noch. Das ist alles Jahre her.’ ‚Vielleicht schreibst du nicht auf Papier, doch in deinem Kopf tust du es’, sagte sie mit ihrer leisen Stimme und berührte mich am Arm. ‚Das hast du schon immer getan. Du bist Erinnerer und Bewahrer und du weißt es.’“

Die Kraft, die Bilder entfalten, wie sie sich ausbreiten wie Ringe auf der von einem Tropfen gepieksten Wasseroberfläche, ist dem Autor sehr bewusst.

„Alva schrie auf. Sie hatte den Fuchs entdeckt. Durch das Eis konnte man seine erstarrte Schnauze sehen, ein Teil seines Körpers ragte jedoch noch aus dem gefrorenen See heraus, das struppige Fell war von glitzernden Kristallen übersät. Als wäre er mitten in der Bewegung eingefroren. ‚Was für ein schrecklicher Tod!’ Alvas Atem dampfte. ‚Wieso zeigst du mir das?’ (…) ‚Jetzt findest du es furchtbar, aber ich wette mit dir, in zwanzig Jahren erinnerst du dich an den eingefrorenen Fuchs.’ Ich musste lachen. ‚Sogar auf dem Totenbett wirst du noch an den eingefrorenen Fuchs denken.’“

Beziehungen verdichten sich in Momenten, die Benedict Wells aufzieht wie einen Übergang markierende Perlen an einem Rosenkranz. Sie stehen für ein Geheimnis, welches immer wieder in anderer Form auftaucht, Orientierung bietet, dass man sich nicht verliert im immer gleich und immer anders wiederholenden Mantra. Leben und Tod treffen sich im Rosenkranz, wie in diesem Buch. Trauer und Trost, Hoffnung und Angst.

Zurück bleibt: Dieses Buch hat mich bewegt, hat mich gerührt, mich mit meinem Tod reden und mich ein Stückchen weiterkommen lassen. In Jules, Liz, Marty, Alva, Toni, Elena und den anderen konnte ich mich sehen und mich in und mit ihnen entdecken, verwickeln, entwickeln.

„Doch selbst wenn ich diese Geschichte niemals beende, werde ich nicht mehr aufhören zu schreiben. Denn ich habe begriffen: Nur dort kann ich alle gleichzeitig sein. Alle, die möglich waren. Denn der kleine Junge, der sich vor allem fürchtet, das bin ich. Genauso das Kind, das mit dem Fahrrad todesmutig den Hügel hinunterfährt, sich den Arm bricht und trotzdem weitermacht. Ich bin der Außenseiter, der sich (…) zurückzieht und nur noch vor sich hin träumt. (…) Ich bin der Teenager, der sich nicht traut seine Liebe zu gestehen, und in die Einsamkeit abrutscht. Der fröhliche, selbstsichere Student, der sein Leben anpackt. (…) Als junger Mensch hatte ich das Gefühl (…) ein anderes, ein falsches Leben zu führen (…) und erst spät habe ich verstanden (…): Dieses andere Leben, in dem ich nun so deutliche Spuren hinterlassen habe, kann gar nicht mehr falsch sein. Denn es ist meins.“

Ich verneige mich vor dem (echt jungen!) Autor und sage: Vielen Dank, Herr Wells. Und Chapeau.

 

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Poetry

an die freunde

Es wundert

Im Staub alter Bücher

Bricht das Licht neuer Tage

Den im Damals Denkenden das Genick

Wen wundert 

Die Vergesslichkeit der Überfütterten

Ohrenverquillten Halserfüllten

Der Wille bricht schnell

Wenn angesparte Groschen

Wie Ratten

Das sinkende Schiff verlassen

An unseren schluckenden Kehlen

Ertrinken Scharen Hoffnungsvoller

Vor den Küsten einer Festung

In der die Freiheit 

Eine Briefkastenfirma ist

In deren Zentren der Wahnsinn explodiert

Um sich schießt und sticht

Und in die Menge fährt

Wäre Europa nur unsterblich

Nicht verführte Sklavin

Des goldenen Stiers 

Wahrlich

Es lohnte sich

Das Wundern

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Poetry

gemina

Ein ungleiches Zwillingspaar

Der eine

Wohlgenährt

Die Wurzeln reichten sicher

Bis in den großmütterlichen Vorratskeller

Der unerschöpflich war

Wie die überversorgende

Emsige Frau

Oder grub er

Dem Nebenstehenden das Wasser ab

Dessen Äste auf den Autodächern

Meiner Eltern

Schnell weggeweht vom Fahrtwind

Leise Zeugen waren

Für den Mangel

Manchmal laut

Wenn sich das Wetter drehte

Und es heulte

Die Holzgasse hinauf

 

Auch ich ahnte nichts von

Seinem stillen Hunger

Steckte Figuren aus seinen Früchten

Oder denen des Bruders

Wälzte mich im ordentlich gehäuften

Rascheln ihres Laubes

Oder

Sammelte die rußigen Reste des letztjährigen

Feuerwerks

Über eine achtlos herabgezogene

Kordel meines Anoraks stolpernd

Schwarze Flecken unter und auf der Brille

Die

Eine bunte Schnur vor Verlust schützte

 

Eher richtungslos

Wuchsen wir

Zwischen den beiden

Stillen Beobachtern

Laut war es oft

Zu ihren Füßen

Auch sie ahnten nichts

Und irgendwann zogen wir

Nach draußen

Die beiden

Ungleichen

Die Kastanien im Hof

Verschwanden

Aus Sicherheit

Hatte man sie

Gefällt

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Poetry

defäkokratie

Es fließt über

All überall

Aus den Kanälen  

Kriecht Totgewähntes 

Die Bürger steigen eilig über 

Das, was liegenließ

Wer zurückgelassen

Die Gassen bevölkerte

Die nun lavierend gentrifizieren  

Entfolgt vervolkt

Kein Anschluss unter dieser Nummer

So laut kann Stummheit sein

Dass aus den Ohren quillt

Was jeden Gedanken

In die Flucht schlägt

Wer schreit für uns

In echt

Damit nicht weiter durch die Straßen läuft

Was wir

Vollgestopft 

Nach der Tagesschau auskotzten

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