Poetry

fast forward

Fließbandsalat statt

Geschmeidiges Surren auf schnurrende

Spulen gespannter

Laufender Schnürchen

 

Höchstrichterlich ernannte Alben

Hämmern nachts wie beckenschlagende Affen

Meine Träume an den Nagel

 

Hinter der Milchglasscheibe bekämpfen sich 

Krokodil und Kasperle

Während es dunkler wird

Und das Spielzeug dem Kaffee wich

 

Früher gab’s ein Testbild

Heute ein Profilbild

Kann mir mal jemand den Akku

austauschen 

Und das Display reparieren

Weil

Huch und so – da war’s kaputt

Geht schnell sowas

Standard
Poetry

gemina

Ein ungleiches Zwillingspaar

Der eine

Wohlgenährt

Die Wurzeln reichten sicher

Bis in den großmütterlichen Vorratskeller

Der unerschöpflich war

Wie die überversorgende

Emsige Frau

Oder grub er

Dem Nebenstehenden das Wasser ab

Dessen Äste auf den Autodächern

Meiner Eltern

Schnell weggeweht vom Fahrtwind

Leise Zeugen waren

Für den Mangel

Manchmal laut

Wenn sich das Wetter drehte

Und es heulte

Die Holzgasse hinauf

 

Auch ich ahnte nichts von

Seinem stillen Hunger

Steckte Figuren aus seinen Früchten

Oder denen des Bruders

Wälzte mich im ordentlich gehäuften

Rascheln ihres Laubes

Oder

Sammelte die rußigen Reste des letztjährigen

Feuerwerks

Über eine achtlos herabgezogene

Kordel meines Anoraks stolpernd

Schwarze Flecken unter und auf der Brille

Die

Eine bunte Schnur vor Verlust schützte

 

Eher richtungslos

Wuchsen wir

Zwischen den beiden

Stillen Beobachtern

Laut war es oft

Zu ihren Füßen

Auch sie ahnten nichts

Und irgendwann zogen wir

Nach draußen

Die beiden

Ungleichen

Die Kastanien im Hof

Verschwanden

Aus Sicherheit

Hatte man sie

Gefällt

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Feminism

wunschliste mit 30

“Was tun Sie”, wurde Herr K. gefragt, “wenn Sie einen Menschen lieben?” “Ich mache einen Entwurf von ihm”, sagte Herr K., “und sorge, daß er ihm ähnlich wird.” “Wer? Der Entwurf?” “Nein”, sagte Herr K., “der Mensch.”

– Bertolt Brecht, Wenn Herr K. einen Menschen liebte –

 

Ich will mir kein Bild machen von dir. Ich will, dass du bezeichnend bleibst. Ich will, dass du so bist, wie ich dich kennen lerne, nicht so, wie ich dich lieben lernte. Weil der Zauber des Anfangs verstellt meinen Blick, hebt dich hoch auf einen Sockel. Dort stehst du dann, unbeweglich, in Stein gemeißelt, tot. Ich will dich nicht erstarren lassen in meinem Blick wie in den alten Griechengeschichten.

Ich will dein Herz schlagen hören, mich freuen, wenn es manchmal synchron ist mit meinem, manchmal eben.

Glück ist ein Moment mit dir. Wenn ich wirklich bei dir bin, wenn wir uns wissend ansehen, ahnungsvoll berühren oder auch verwundert aufhorchen. Wenn du traurig bist und deine Tränen sich in meiner Gegenwart für dich nicht nackt anfühlen. Wenn du dich ärgerst und mir damit zeigst, dass du dich reiben willst an mir, dass es Grenzen gibt zwischen uns.

Auseinandersetzung gegen das Aufeinanderhocken.

Ich will, dass du deine Liebe teilst. Dass du Liebenswertes in Dingen findest, die ich ablehne. Dass wir durch unsere Augen tiefer schauen als alleine. Dass ich mich durch deinen Blick wirklich neu entdecke, auch dort, wo die Sonne nicht scheint.

Du bist mein engster Vertrauter, mein Spielkamerad, mein Lehrer und vielleicht mein ärgster Feind. Ganz einfach, weil du so nah bist. Ich will dich nicht rahmen, dir keine Grenze geben, sondern wissen, wo du deine ziehst. Ein Nein soll nicht sagen, wo du aufhörst, sondern wo ich anfange. Soll nicht zwischen uns, sondern für sich stehen. Komm runter. Wir gehen.

 

Ich will mit dem gehen, den ich liebe.

Ich will nicht ausrechnen, was es kostet.

Ich will nicht nachdenken, ob es gut ist.

Ich will nicht wissen, ob er mich liebt.

Ich will mit ihm gehen, den ich liebe.

– Bertold Brecht –

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Prose

auf der suche nach dem ernst des lebens

erschienen in: Auf der Halbinsel – Rote Erzählungen und Gedichte, Dorante Edition 2016

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Als ich noch klein war, war mein Vater einer der ernsthaftesten Menschen, die ich kannte. Ich erinnere mich, wie ich vor ihm stand, an meinem ersten Schultag, in meinem dunkelblau-violett gebatikten Seidenkleid, das ich mir ausgesucht hatte, zum Teil selbst bezahlt aus meinem Sparschwein. Einfach, weil ich es so sehr haben wollte und es für zuvor eingeübte  Hofknickse so geeignet fand. Er sagte: „Carina, nun beginnt der Ernst des Lebens“.

Ich wusste nicht genau, was er meinte. Aber ich wusste, dass es ihm und damit mir sehr wichtig sein musste. Ich war verwirrt. Aber an diesem Tag voller neuer Menschen, endlich beginnendem Dabeisein in der Welt der Großen, Süßigkeiten und Glückwünsche ging er unter, der ernste Satz meines Vaters.

Meine Schultüte hatte die Form eines Stifts und war bunt, am meisten orange. Ich weiß noch, dass ich am liebsten die meines Bruders gehabt hätte. Die war blau und trug ein schönes Mäusegesicht. Ich weiß noch, wie gerne ich gemeinsam mit ihm in die Schule gehen wollte. Das klang so aufregend. Und wie mein Bruder am liebsten wieder im Kindergarten gewesen wäre und wie unfair ich es fand, dass allein das Alter entscheidend war und niemand uns fragte, was wir wollten.

Der Ernst des Lebens begrüßte mich in Form des auf mich gerichteten roten Lamy-Füllers meiner Lehrerin. Aus ihm schossen Worte wie „Carina, du bist eine unerträgliche Schülerin“ oder „Und auch das werde ich dir aufs Zeugnis schreiben“. Ihr Gesichtsausdruck unterstrich dabei die offenbar überschrittene rote Linie, die den Ernst markierte. Rote Linien verwirren mich bis heute. Obwohl ich Rot mag. Es sind nicht nur die ernsten, sondern auch die wichtigen, lebenswichtigen Dinge, die rot sind.

War ich unerträglich? Schwierig, sicher. Vorlaut, ja. Neugierig? Ohne Frage. Und ein lesendes Kind Lesen zu lehren ist sicher nicht einfach. In der Gruppe. Sicher nicht. Aber ich liebte es zu lernen. Das war wohl eines der Dinge, die ich ernsthaft betrieb, ohne dass der Ernst dabei in Sichtweite gewesen wäre. Ich war halt so.

Die Worte meines Vaters wurden erneut fast mantrenartig an meine Ohren geheftet als ich aufs Gymnasium ging, an einen meiner Familie unvertrauten Ort, unbekanntes Terrain. Mein Vater wollte mir den Ernst als einen schützenden Begleiter mitgeben.

Er verstand nicht, dass es nicht der Ernst war, der mir Schutz bot, sondern meine Seifenblase, in der ich durch die Welt schwebte und nur aus ihr heraustrat, wenn es galt, etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. In der Rolle der verträumten Detektivin gefalle ich mir bis heute. Vielleicht mag ich auch deshalb Eulen so gerne, die in der Nacht leben, aber deren 360°-Blick nichts entgeht. Und schon überhöhe ich mich wieder.

Bleib mal auf dem Teppich, Carina. „Nur weil du aufs Gymnasium gehst, brauchst du nicht zu denken, dass du etwas Besseres bist als wir“, stach mir meine Mutter spitz und schrill in die Seifenblase. Wenn die Spießrutenflure dieser nichts anhaben konnten – das wummerte in ihr. Zum Verwirrtsein gesellte sich das Erschüttertsein. Ordnen konnten mich die warmen Seiten meiner Bücher, das Chaos in meinem Zimmer und in meinem Schulrucksack, das schon einmal das ein oder andere Schulbrot aus fernen Tagen in zellophanmumifizierter Form zutage brachte – und meine Katze. Sie scherte sich nicht um diesen Ernst, sondern leckte sich selbst öffentlich am Arsch. Und ruhte.

Der Ernst im Mund meines Vaters rief lauter als ich zur Uni ging. Nun kamen Rechnungen hinzu. Und Freiheit. Und lange Nächte und wundgeschriebene Finger und müde gefütterte Hirnzellen, die am Tag der Klausur alles aufs Papier kotzten. Das erste Mal nicht bestehen. Die erste Niederlage auf meinem Gebiet. Das erste Mal verloren gehen in der eigenen Heimat. Ich entdeckte Alkohol, wenn Bücher zu leise waren. Und Sex, wenn mich sonst nichts berührte.

Den Ernst habe ich gesucht. In Arbeit, in zu strenger Kleidung, in einer Ehe, die nicht hielt. Gefunden habe ich ihn nicht. Aber vielleicht ist es die Suche nach ihm, die ihn einlädt in mein Leben. Vielleicht ist er kein Begleiter, sondern eine Kompassnadel. Die, die nach Norden zeigt. Die konstante Größe, die aber auch raum lässt für Unbekannte und immerhin drei weitere Himmelsrichtungen.

Im Norden zu leuchten kann anstrengend sein auf Dauer. Mal dunkel zu werden ist auch natürlich.

Nach all den Ideen aus roten Füllern und nackten Fluren suche ich nun: die Meinen.

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