Book Review, Writing

buchbesprechung – vom ende der einsamkeit

Benedict Wells (2016), Vom Ende der Einsamkeit, Diogenes

Meine erste Buchbesprechung auf Deutsch. Daher erkläre ich an dieser Stelle noch einmal meine Struktur. Ich möchte eine völlig subjektive Perspektive einnehmen und folgende Fragen nacheinander beantworten:

1. An welchem Punkt meines Lebens haben das Buch (ja, Bücher sind Entitäten) und ich uns getroffen?

2. Wie habe ich das Buch erfahren?

3. Womit wird mich das Buch zurücklassen?

Zum ersten Mal begegnete mir das Buch auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für eine Ausbildungskollegin meines Instituts für Psychotherapie. Sie hatte mich eingeladen und obwohl ich es nicht dorthin schaffte, wollte ich ihr dennoch etwas schenken – ich hatte mich über die Einladung sehr gefreut. An einem Sonntag waren mein Freund und ich zum Hauptbahnhof spaziert, zum einen um an die frische Luft zu kommen, zum anderen um bei Rossmann noch ein paar Dinge einzukaufen. Da es im Bahnhof auch eine Buchhandlung gibt, wollte ich dort nach einem Geschenk suchen. Der Titel sprang mir ins Auge und ich las auf dem Rückdeckel den wunderbaren Satz:

„Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind: Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.“

Für meine Kollegin schien mir dieses Buch wenig geeignet und mich plagten die sich in meinem schlechten Gewissen stapelnden ungelesenen Bücher zuhause, weshalb ich es wieder zurücklegte. Ein Geschenk fand ich nicht.

Am nächsten Tag zog ich erneut los zum Buchladen meines Viertels, dem ich ohnehin noch einen Besuch abstatten wollte. Ich fand dort neben einer schönen Präsentation der Bücher eine sehr freundliche und geduldige Händlerin vor. Man muss wissen, dass ich zur Entscheidungsfindung einen zeitlich nicht unerheblichen Prozess zu durchlaufen pflege, besonders wenn es um Bücher geht. Das Geschenk war schnell gefunden und ich hatte für mich bereits ein kleines Büchlein eines lokalen Dichters gefunden. Da ich jedoch einen Gutschein hatte, war das schlechte Gewissen mit den Wolken des Vortags verzogen und ich stöberte weiter. Maxim Biller – Hundert Zeilen Hass. Klang gut, aber ich wollte irgendwie lieber ein wenig Urlaub von der ohnehin schon trüben Realität unserer Tage. Ich traf erneut auf ‚Vom Ende der Einsamkeit’. Aber da ich mich schon am Vortag dagegen entschieden hatte…und ein Spiegel-Bestseller…naja. Ich entschied mich dafür, mich nicht alleine zu entscheiden und bat die sympathische Händlerin um einen Tipp, hinzufügend, dass ich gerne etwas in ‚schöner Sprache, gerne poetisch’ hätte. Sie griff zielsicher ins obere Regal und zog das zuvor erneut verschmähte Buch von Benedict Wells hervor. „Wir alle haben dieses Buch geliebt! Es ist so schön geschrieben, sehr behutsam und bildreich.“ „Und dass es ein Spiegel-Bestseller ist?“ „Ach, man will den Aufkleber glatt entfernen! Nein, es ist wirklich sehr gut.“ Gekauft.

„Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.“

Gleich im ersten Satz wird klar: Flach wird es nicht auf den nächsten Seiten. Und bildreich ist es. Wie in einem Musikstück tauchen Themen, Orte, Menschen, Lieder oder Bilder immer wieder auf und verweisen auf die Vergangenheit oder Zukunft der Figur Jules. Alle Kapitel sind mit Jahreszahlen und einem Titel versehen, was es einem erleichtert, nicht im Kopf des unruhigen Träumers Jules verloren zu gehen. Alle Figuren werden sehr mitfühlend und lebendig beschrieben. Ihre Geschichten mit all ihren Anstrengungen wird derart behutsam nachgezeichnet, beruhigend plätschernd, und doch vergehen die Seiten wie im Flug. Benedict Wells gelingt es, mich zu packen und gleichzeitig nicht gefangen zu halten. Meine Gedanken dürfen träumerisch wegdriften wie die von Jules. Ob es daran liegt, dass ich ihm ähnlich bin, dass ich so leicht in ihn schlüpfen kann wie in einen Pyjama und mich gleich wohl fühle?

„‚Aber ich schreibe doch gar nicht, Alva, wie oft denn noch. Das ist alles Jahre her.’ ‚Vielleicht schreibst du nicht auf Papier, doch in deinem Kopf tust du es’, sagte sie mit ihrer leisen Stimme und berührte mich am Arm. ‚Das hast du schon immer getan. Du bist Erinnerer und Bewahrer und du weißt es.’“

Die Kraft, die Bilder entfalten, wie sie sich ausbreiten wie Ringe auf der von einem Tropfen gepieksten Wasseroberfläche, ist dem Autor sehr bewusst.

„Alva schrie auf. Sie hatte den Fuchs entdeckt. Durch das Eis konnte man seine erstarrte Schnauze sehen, ein Teil seines Körpers ragte jedoch noch aus dem gefrorenen See heraus, das struppige Fell war von glitzernden Kristallen übersät. Als wäre er mitten in der Bewegung eingefroren. ‚Was für ein schrecklicher Tod!’ Alvas Atem dampfte. ‚Wieso zeigst du mir das?’ (…) ‚Jetzt findest du es furchtbar, aber ich wette mit dir, in zwanzig Jahren erinnerst du dich an den eingefrorenen Fuchs.’ Ich musste lachen. ‚Sogar auf dem Totenbett wirst du noch an den eingefrorenen Fuchs denken.’“

Beziehungen verdichten sich in Momenten, die Benedict Wells aufzieht wie einen Übergang markierende Perlen an einem Rosenkranz. Sie stehen für ein Geheimnis, welches immer wieder in anderer Form auftaucht, Orientierung bietet, dass man sich nicht verliert im immer gleich und immer anders wiederholenden Mantra. Leben und Tod treffen sich im Rosenkranz, wie in diesem Buch. Trauer und Trost, Hoffnung und Angst.

Zurück bleibt: Dieses Buch hat mich bewegt, hat mich gerührt, mich mit meinem Tod reden und mich ein Stückchen weiterkommen lassen. In Jules, Liz, Marty, Alva, Toni, Elena und den anderen konnte ich mich sehen und mich in und mit ihnen entdecken, verwickeln, entwickeln.

„Doch selbst wenn ich diese Geschichte niemals beende, werde ich nicht mehr aufhören zu schreiben. Denn ich habe begriffen: Nur dort kann ich alle gleichzeitig sein. Alle, die möglich waren. Denn der kleine Junge, der sich vor allem fürchtet, das bin ich. Genauso das Kind, das mit dem Fahrrad todesmutig den Hügel hinunterfährt, sich den Arm bricht und trotzdem weitermacht. Ich bin der Außenseiter, der sich (…) zurückzieht und nur noch vor sich hin träumt. (…) Ich bin der Teenager, der sich nicht traut seine Liebe zu gestehen, und in die Einsamkeit abrutscht. Der fröhliche, selbstsichere Student, der sein Leben anpackt. (…) Als junger Mensch hatte ich das Gefühl (…) ein anderes, ein falsches Leben zu führen (…) und erst spät habe ich verstanden (…): Dieses andere Leben, in dem ich nun so deutliche Spuren hinterlassen habe, kann gar nicht mehr falsch sein. Denn es ist meins.“

Ich verneige mich vor dem (echt jungen!) Autor und sage: Vielen Dank, Herr Wells. Und Chapeau.

 

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Book Review, Music

book review – instrumental

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James Rhodes (2015), Instrumental, Canongate Books Ltd.

I met this particular book on a stride through the area around my rented practice room in Cologne. I had a break, a patient had not showed due to this mean flu that’s been going around. I hit one of my favorite book stores. As I walked in, I did what I always do – I looked around, almost forgetting why I had come here and guilt-tripping myself about spending more money on books when there were still too many waiting at home for me to read. ‘Der Klang der Wut’ – The sound of anger? The title sounding like some hippie therapeutic self-help manual, the cover looking like someone had been really eager to destroy shit – weird enough for me. I picked it up, and after a few seconds I knew it was exactly what I wanted to read. Now. Since I wanted to get the author’s original words I downloaded it on my kindle (ordering it would have taken a full day – please be understanding).

Instrumental – the title alone already deserves some form of an award. I could write about how James Rhodes managed to put unspeakable things into words that have healing potential to so many suffering from the ‘aftermath of violence’ as Judith Herman called whatever pile of symptoms survivors face. What truly wowed me is the ruthless honesty James Rhodes confronts us with. By us I mean the bystanders, the readers, the teachers, the psychologists and doctors, the friends, the family members, the partners. I have never read a book that used exactly the words I hear on a daily basis, that was able to capture the guilt, the shame, the horror (“clearly someone could only do those things to me if I were already inherently bad at a cellular level”) and the unbreakable will to ‘deal with this pile of shit’ as one of my patients put it. This book is loud. It is because it has to be. But just like the cited ‘Goldberg Variations’ this book alternates in volume and intensity and knows when it is best to refrain from using words but let silence speak for itself, creating images in our heads that might actually make us understand. And above all – music.

“It provides company when there is none, understanding where there is confusion, comfort where there is distress, and sheer, unpolluted energy where there is a hollow shell of brokenness and fatigue.”

Music is what structures the whole book. The chapters are all connected to a piece of classical music, the author giving an idea of why this particular piece was chosen and its context within the composer’s life. The book repeatedly invites us into this parallel universe that classical music seems like. And yet James Rhodes’ approach is that of a grassroots level folk musician. Neither stuck up nor brownnosed. It’s like a manifesto for the inherent value of creative work, “to find what you love and let it kill you” (as he quotes Bukowski). At the same time he harshly criticizes the industry behind (classical) music offering something the “few geriatric, inbred morons” neither show nor appreciate: truthful inspiration. An urge to be creative that needs expressing. He offers:

“My solution? Fuck the lot of them. Play what you want, where you want, how you want and to whom you want. Do it naked, do it wearing jeans, doing it while cross-dressing.”

Clear, authentic language and determination meets modest self-irony:

“OK, I know it sounds a little like some utopian vision of mine that occurred while taking a really long dump, but trust me, I will make this happen.”

He even gives helpful relationship advice (a circumstance he himself describes as “hysterical”):

“Stop being a dick. The biggest killer in any relationship is point-scoring. The great Persian poet, Rumi, wrote, ‘somewhere out there, beyond ideas of right and wrong, there is a garden. I’ll meet you there.’ ”

This is definitely the perspective of this book: subjective, neither claiming to be right, nor neutral, nor better.

I have already recommended this book to a number of friends, patients and colleagues, even before I finished it. I hope it will find many readers in Germany as its translation has been published recently. Things sometimes seem to have an ironic connection. I found the book when one of my patients (a survivor of sexual trauma) was down with the flu. I finished it today, sick in bed, drinking tea, listening to Ludovico Einaudi.

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Prose

auf der suche nach dem ernst des lebens

erschienen in: Auf der Halbinsel – Rote Erzählungen und Gedichte, Dorante Edition 2016

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Als ich noch klein war, war mein Vater einer der ernsthaftesten Menschen, die ich kannte. Ich erinnere mich, wie ich vor ihm stand, an meinem ersten Schultag, in meinem dunkelblau-violett gebatikten Seidenkleid, das ich mir ausgesucht hatte, zum Teil selbst bezahlt aus meinem Sparschwein. Einfach, weil ich es so sehr haben wollte und es für zuvor eingeübte  Hofknickse so geeignet fand. Er sagte: „Carina, nun beginnt der Ernst des Lebens“.

Ich wusste nicht genau, was er meinte. Aber ich wusste, dass es ihm und damit mir sehr wichtig sein musste. Ich war verwirrt. Aber an diesem Tag voller neuer Menschen, endlich beginnendem Dabeisein in der Welt der Großen, Süßigkeiten und Glückwünsche ging er unter, der ernste Satz meines Vaters.

Meine Schultüte hatte die Form eines Stifts und war bunt, am meisten orange. Ich weiß noch, dass ich am liebsten die meines Bruders gehabt hätte. Die war blau und trug ein schönes Mäusegesicht. Ich weiß noch, wie gerne ich gemeinsam mit ihm in die Schule gehen wollte. Das klang so aufregend. Und wie mein Bruder am liebsten wieder im Kindergarten gewesen wäre und wie unfair ich es fand, dass allein das Alter entscheidend war und niemand uns fragte, was wir wollten.

Der Ernst des Lebens begrüßte mich in Form des auf mich gerichteten roten Lamy-Füllers meiner Lehrerin. Aus ihm schossen Worte wie „Carina, du bist eine unerträgliche Schülerin“ oder „Und auch das werde ich dir aufs Zeugnis schreiben“. Ihr Gesichtsausdruck unterstrich dabei die offenbar überschrittene rote Linie, die den Ernst markierte. Rote Linien verwirren mich bis heute. Obwohl ich Rot mag. Es sind nicht nur die ernsten, sondern auch die wichtigen, lebenswichtigen Dinge, die rot sind.

War ich unerträglich? Schwierig, sicher. Vorlaut, ja. Neugierig? Ohne Frage. Und ein lesendes Kind Lesen zu lehren ist sicher nicht einfach. In der Gruppe. Sicher nicht. Aber ich liebte es zu lernen. Das war wohl eines der Dinge, die ich ernsthaft betrieb, ohne dass der Ernst dabei in Sichtweite gewesen wäre. Ich war halt so.

Die Worte meines Vaters wurden erneut fast mantrenartig an meine Ohren geheftet als ich aufs Gymnasium ging, an einen meiner Familie unvertrauten Ort, unbekanntes Terrain. Mein Vater wollte mir den Ernst als einen schützenden Begleiter mitgeben.

Er verstand nicht, dass es nicht der Ernst war, der mir Schutz bot, sondern meine Seifenblase, in der ich durch die Welt schwebte und nur aus ihr heraustrat, wenn es galt, etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. In der Rolle der verträumten Detektivin gefalle ich mir bis heute. Vielleicht mag ich auch deshalb Eulen so gerne, die in der Nacht leben, aber deren 360°-Blick nichts entgeht. Und schon überhöhe ich mich wieder.

Bleib mal auf dem Teppich, Carina. „Nur weil du aufs Gymnasium gehst, brauchst du nicht zu denken, dass du etwas Besseres bist als wir“, stach mir meine Mutter spitz und schrill in die Seifenblase. Wenn die Spießrutenflure dieser nichts anhaben konnten – das wummerte in ihr. Zum Verwirrtsein gesellte sich das Erschüttertsein. Ordnen konnten mich die warmen Seiten meiner Bücher, das Chaos in meinem Zimmer und in meinem Schulrucksack, das schon einmal das ein oder andere Schulbrot aus fernen Tagen in zellophanmumifizierter Form zutage brachte – und meine Katze. Sie scherte sich nicht um diesen Ernst, sondern leckte sich selbst öffentlich am Arsch. Und ruhte.

Der Ernst im Mund meines Vaters rief lauter als ich zur Uni ging. Nun kamen Rechnungen hinzu. Und Freiheit. Und lange Nächte und wundgeschriebene Finger und müde gefütterte Hirnzellen, die am Tag der Klausur alles aufs Papier kotzten. Das erste Mal nicht bestehen. Die erste Niederlage auf meinem Gebiet. Das erste Mal verloren gehen in der eigenen Heimat. Ich entdeckte Alkohol, wenn Bücher zu leise waren. Und Sex, wenn mich sonst nichts berührte.

Den Ernst habe ich gesucht. In Arbeit, in zu strenger Kleidung, in einer Ehe, die nicht hielt. Gefunden habe ich ihn nicht. Aber vielleicht ist es die Suche nach ihm, die ihn einlädt in mein Leben. Vielleicht ist er kein Begleiter, sondern eine Kompassnadel. Die, die nach Norden zeigt. Die konstante Größe, die aber auch raum lässt für Unbekannte und immerhin drei weitere Himmelsrichtungen.

Im Norden zu leuchten kann anstrengend sein auf Dauer. Mal dunkel zu werden ist auch natürlich.

Nach all den Ideen aus roten Füllern und nackten Fluren suche ich nun: die Meinen.

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