Poetry

defäkokratie

Es fließt über

All überall

Aus den Kanälen  

Kriecht Totgewähntes 

Die Bürger steigen eilig über 

Das, was liegenließ

Wer zurückgelassen

Die Gassen bevölkerte

Die nun lavierend gentrifizieren  

Entfolgt vervolkt

Kein Anschluss unter dieser Nummer

So laut kann Stummheit sein

Dass aus den Ohren quillt

Was jeden Gedanken

In die Flucht schlägt

Wer schreit für uns

In echt

Damit nicht weiter durch die Straßen läuft

Was wir

Vollgestopft 

Nach der Tagesschau auskotzten

Standard
Book Review, Music

book review – instrumental

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James Rhodes (2015), Instrumental, Canongate Books Ltd.

I met this particular book on a stride through the area around my rented practice room in Cologne. I had a break, a patient had not showed due to this mean flu that’s been going around. I hit one of my favorite book stores. As I walked in, I did what I always do – I looked around, almost forgetting why I had come here and guilt-tripping myself about spending more money on books when there were still too many waiting at home for me to read. ‘Der Klang der Wut’ – The sound of anger? The title sounding like some hippie therapeutic self-help manual, the cover looking like someone had been really eager to destroy shit – weird enough for me. I picked it up, and after a few seconds I knew it was exactly what I wanted to read. Now. Since I wanted to get the author’s original words I downloaded it on my kindle (ordering it would have taken a full day – please be understanding).

Instrumental – the title alone already deserves some form of an award. I could write about how James Rhodes managed to put unspeakable things into words that have healing potential to so many suffering from the ‘aftermath of violence’ as Judith Herman called whatever pile of symptoms survivors face. What truly wowed me is the ruthless honesty James Rhodes confronts us with. By us I mean the bystanders, the readers, the teachers, the psychologists and doctors, the friends, the family members, the partners. I have never read a book that used exactly the words I hear on a daily basis, that was able to capture the guilt, the shame, the horror (“clearly someone could only do those things to me if I were already inherently bad at a cellular level”) and the unbreakable will to ‘deal with this pile of shit’ as one of my patients put it. This book is loud. It is because it has to be. But just like the cited ‘Goldberg Variations’ this book alternates in volume and intensity and knows when it is best to refrain from using words but let silence speak for itself, creating images in our heads that might actually make us understand. And above all – music.

“It provides company when there is none, understanding where there is confusion, comfort where there is distress, and sheer, unpolluted energy where there is a hollow shell of brokenness and fatigue.”

Music is what structures the whole book. The chapters are all connected to a piece of classical music, the author giving an idea of why this particular piece was chosen and its context within the composer’s life. The book repeatedly invites us into this parallel universe that classical music seems like. And yet James Rhodes’ approach is that of a grassroots level folk musician. Neither stuck up nor brownnosed. It’s like a manifesto for the inherent value of creative work, “to find what you love and let it kill you” (as he quotes Bukowski). At the same time he harshly criticizes the industry behind (classical) music offering something the “few geriatric, inbred morons” neither show nor appreciate: truthful inspiration. An urge to be creative that needs expressing. He offers:

“My solution? Fuck the lot of them. Play what you want, where you want, how you want and to whom you want. Do it naked, do it wearing jeans, doing it while cross-dressing.”

Clear, authentic language and determination meets modest self-irony:

“OK, I know it sounds a little like some utopian vision of mine that occurred while taking a really long dump, but trust me, I will make this happen.”

He even gives helpful relationship advice (a circumstance he himself describes as “hysterical”):

“Stop being a dick. The biggest killer in any relationship is point-scoring. The great Persian poet, Rumi, wrote, ‘somewhere out there, beyond ideas of right and wrong, there is a garden. I’ll meet you there.’ ”

This is definitely the perspective of this book: subjective, neither claiming to be right, nor neutral, nor better.

I have already recommended this book to a number of friends, patients and colleagues, even before I finished it. I hope it will find many readers in Germany as its translation has been published recently. Things sometimes seem to have an ironic connection. I found the book when one of my patients (a survivor of sexual trauma) was down with the flu. I finished it today, sick in bed, drinking tea, listening to Ludovico Einaudi.

Standard
Poetry

unter matratzen

Wie ich dich finde

Hast du gefragt

Du

Sandkorn unter den Heuhäufigen

Ich

Prinzessin auf der Erbse

Oder so

Miss Marple im Knupsauto

Weil 

Ich stoße mich immer beim genaueren

Untersuchen

Und dann weiß ich wieder nicht warum 

Ich so blau bin

Überall

Besonders in den Augen

Verträumte Erbsenzählerin

Die Guten ins…

Ich kann doch nicht einmal mich

Sortieren

Und schlafe immer gleich ein

Wenn das Licht ausgeht

Im Dunkeln

Finde ich mich 

Dann doch ganz gut

Zu

Recht

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Poetry

zehentrenner

Ich würde so gerne deine Schritte zählen

nur

um zu wissen

wie du die Füße so handhabst

Ich verstehe gerade mal 

meine krummen Schritte 

manchmal

Ich schaue hinunter

wie ein stolpriger Tänzer

Das klappt ja 

schon da nicht

Anschauen 

statt deine Richtung kennen zu wollen

Vielleicht 

hab ich auch Angst 

vor deinem Blick

Was 

mich dort sieht

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Feminism

wunschliste mit 30

“Was tun Sie”, wurde Herr K. gefragt, “wenn Sie einen Menschen lieben?” “Ich mache einen Entwurf von ihm”, sagte Herr K., “und sorge, daß er ihm ähnlich wird.” “Wer? Der Entwurf?” “Nein”, sagte Herr K., “der Mensch.”

– Bertolt Brecht, Wenn Herr K. einen Menschen liebte –

 

Ich will mir kein Bild machen von dir. Ich will, dass du bezeichnend bleibst. Ich will, dass du so bist, wie ich dich kennen lerne, nicht so, wie ich dich lieben lernte. Weil der Zauber des Anfangs verstellt meinen Blick, hebt dich hoch auf einen Sockel. Dort stehst du dann, unbeweglich, in Stein gemeißelt, tot. Ich will dich nicht erstarren lassen in meinem Blick wie in den alten Griechengeschichten.

Ich will dein Herz schlagen hören, mich freuen, wenn es manchmal synchron ist mit meinem, manchmal eben.

Glück ist ein Moment mit dir. Wenn ich wirklich bei dir bin, wenn wir uns wissend ansehen, ahnungsvoll berühren oder auch verwundert aufhorchen. Wenn du traurig bist und deine Tränen sich in meiner Gegenwart für dich nicht nackt anfühlen. Wenn du dich ärgerst und mir damit zeigst, dass du dich reiben willst an mir, dass es Grenzen gibt zwischen uns.

Auseinandersetzung gegen das Aufeinanderhocken.

Ich will, dass du deine Liebe teilst. Dass du Liebenswertes in Dingen findest, die ich ablehne. Dass wir durch unsere Augen tiefer schauen als alleine. Dass ich mich durch deinen Blick wirklich neu entdecke, auch dort, wo die Sonne nicht scheint.

Du bist mein engster Vertrauter, mein Spielkamerad, mein Lehrer und vielleicht mein ärgster Feind. Ganz einfach, weil du so nah bist. Ich will dich nicht rahmen, dir keine Grenze geben, sondern wissen, wo du deine ziehst. Ein Nein soll nicht sagen, wo du aufhörst, sondern wo ich anfange. Soll nicht zwischen uns, sondern für sich stehen. Komm runter. Wir gehen.

 

Ich will mit dem gehen, den ich liebe.

Ich will nicht ausrechnen, was es kostet.

Ich will nicht nachdenken, ob es gut ist.

Ich will nicht wissen, ob er mich liebt.

Ich will mit ihm gehen, den ich liebe.

– Bertold Brecht –

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Poetry

dichterliebe

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Siegfried Buck (Hrsg.), Bausteine Deutsch, Diesterweg 1985

Wie verliebt man sich in einen Dichter? Ich habe mein Herz an Heinrich Heine verloren, als ich gerade erst wusste, dass ich eins habe, dass jeder eins hat und dass es aufhören kann zu schlagen. In der vierten Klasse, Dienstag, dritte Stunde Kunst. Ich hatte meinen Farbkasten vergessen. Um mich zu beschäftigen (und wohl auch zu Disziplin zu mahnen), musste ich abschreiben. Während die Anderen mehr oder minder Kunstvolles schafften, sollte ich Heine vom Papier meines Deutschbuches auf meines bringen. Und dies ohne den Tintenkiller zu benutzen. Meine Lehrerin hatte wohl doch den Plan, es solle kunstvoll sein. Oder vielleicht dachte sie auch, es hielte mich auf diese Weise länger auf, würde mich doch jeder Schreibfehler wieder zurück auf Los setzen. Nun gut. Heine also. Altes Kaminstück. Es war Sommer.

Ab der ersten Zeile schon folgte ich ihm, ließ weiße Flocken aufziehen, Stürme mit Harlekinen tanzen und mich von Marmorgöttern grüßen. Wie das Kätzchen wärmte ich mich an ‘des Dichters Feur’. Wer auch immer dachte, mich damit bestraft zu haben, täuschte sich gewaltig. Für diese eine Kunststunde wohnte ich im Zauberschloss. Erst mit dem Klingeln spürte ich den Schmerz des heulenden Kätzchens. Die süße Zerstörung meines Paradieses, vergessene Farbkästen können schmecken wie Äpfel.

PS: Wer erraten hat, dass der Name des Blogs aus diesen Zeilen stammt, ist ein Genie und gehört gewürdigt. Ehre wem Ehre gebührt.

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